WikiLeaks setzt auf die Weisheit der Masse

Von Christian Stöcker

Julian Assange geht in die Offensive. Nach der Schlammschlacht mit der Konkurrenzplattform OpenLeaks tut WikiLeaks erneut das, wozu die Plattform einst gegründet wurde: Sie veröffentlicht Informationen. Jetzt soll auch die Netzgemeinde wieder Dokumente analysieren dürfen.

WikilLeaks-Gründer Assange: Zehntausende Botschaftsdepeschen veröffentlicht

Seit einigen Stunden lassen sich bei Wikileaks.org insgesamt über 50.000 der diplomatischen Depeschen durchstöbern, die im vergangenen Jahr für so viel Aufruhr sorgten. Bislang war nur ein kleiner Bruchteil der insgesamt über 250.000 Botschaftsdepeschen aus einem internen Netz der US-Behörden veröffentlicht worden. Am Mittwochmittag stand die Zahl der via WikiLeaks zugänglichen Botschaftsdepeschen bei über 51.000. Über den Twitter-Account von WikiLeaks wird auf einzelne Tranchen hingewiesen (“3004 Depeschen aus China veröffentlicht!”, “309 Depeschen aus Libyen!”) und dazu aufgerufen, sie selbst nach interessantem Material zu durchsuchen. Unter dem Twitter-Hashtag #wlfind laufen schon seit Stunden erste Hinweise ein, was in einzelnen Depeschen an möglicherweise Interessantem zu finden ist.

Eine Reaktion aus dem Netz gab es WikiLeaks zufolge bereits am Mittwochmittag: Das Angebot sei von einer Denial-of-Service-Attacke (DoS) betroffen, wurde über den Twitter-Account der Plattform mitgeteilt.

WikiLeaks-Gründer Julian Assange weicht mit dieser Veröffentlichungsaktion von dem im vergangenen Jahr gewählten Weg ab. Ursprünglich wurden die diplomatischen Depeschen nur in Zusammenarbeit mit einer Reihe internationaler Medien, darunter die “New York Times” und auch der SPIEGEL, veröffentlicht. Redakteure der einzelnen Medienhäuser durchforsteten die Depeschen nach Interessantem und sorgten gleichzeitig dafür, dass etwa die Namen von Informanten und andere Details, die Menschenleben gefährden könnten, unkenntlich gemacht wurden. Die nun veröffentlichten Depeschen sind offenbar zumindest teilweise von WikiLeaks-Helfern ebenfalls bearbeitet worden – ob sie wirklich um alle möglicherweise riskanten Merkmale bereinigt sind, ist noch unklar.

Namen von Informanten unkenntlich gemacht

Jede Botschaftsdepesche besteht aus Datum, Urheber, Adressat, Geheimhaltungsstufe und dem eigentlichen Telegrammtext. In Letzterem werden oft auch Namen von Informanten erwähnt. Der SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE hatten sich deshalb 2010 entschieden, die Masse der Dokumente nicht zugänglich zu machen, sondern nur aus einzelnen Depeschen zu zitieren oder einzelne Texte zu dokumentieren, in denen die Namen von Informanten unkenntlich gemacht sind – es sei denn, der Name des Zuträgers ist von politischer Relevanz.

Der Aufruf an die Twitter-Nutzer der Plattform (mehr als eine Million Nutzer haben allein den WikiLeaks-Twitter-Account abonniert) ist im Grunde eine Rückkehr zu den Wurzeln von WikiLeaks – Informationen veröffentlichen und sehen, was die Welt damit anstellt. Wie viel tatsächlich Neues und Interessantes in den nun veröffentlichten Dateibergen gefunden werden wird, ist ein Experiment: Schließlich lagen genau diese Depeschen diversen Redaktionen – auch der des SPIEGEL – bereits im vergangenen Jahr vor. WikiLeaks setzt nun doch auf die Weisheit der Massen.

Schwere Anschuldigungen gegen den ehemaligen Weggefährten

Für Julian Assange ist die Veröffentlichung zweifellos ein Befreiungsschlag, ein Versuch, die Debatte über den Streit zwischen ihm und dem früheren deutschen WikiLeaks-Sprecher Daniel Domscheit-Bergaus dem Fokus zu verdrängen. Domscheit-Berg hat, bevor er sich im Streit von WikiLeaks trennte, eine größere Datenmenge mitgenommen – und diese nach eigenen Angaben mittlerweile vernichtet. Für Julian Assange war das ein Anlass, erneut wütende Stellungnahmen gegen den einstigen Weggefährten abzugeben, ihn sogar mit Andeutungen in die Nähe von Geheimdiensten und Polizeibehörden zu rücken – in Hackerkreisen eine schwere Anschuldigung.

Die öffentliche Schlammschlacht war wohl weder für WikiLeaks noch für Domscheit-Bergs und sein in der Entwicklungsphase befindliches Konkurrenzprojekt OpenLeaks wirklich förderlich.

WikiLeaks selbst schien seit Domscheit-Bergs Rauswurf und den juristischen Vorwürfen gegen Julian Assange in Schweden nur noch begrenzt handlungsfähig. Neue Daten wurden lange Zeit nicht veröffentlicht und das Einreichungssystem der Plattform funktionierte nicht mehr – Assange zufolge, weil Domscheit-Berg es “gestohlen” habe. Nun also veröffentlicht WikiLeaks wieder, wenn auch älteres Material, das diversen Redaktionen rund um den Globus bereits vorliegt.

 

http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,782136,00.html

 

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