Wikileaks: Noch mehr belastendes Material auf Mannings PC

Dienstag, 20. Dezember 2011, 11:09 Uhr

Auf einem Computer des angeblichen Wikileaks-Informanten Bradley Manning sind zu den bereits bekannten diplomatischen Depeschen des US-Aussenministeriums 10’000 weitere Berichte gefunden worden. Die Chancen, dass auf einen Militärprozess gegen Manning verzichtet wird, sinken damit.

Sollte es zum Prozess vor dem Militärgericht kommen, droht dem 24-jährigen Manning ein Leben hinter Gittern. keystone

Die neu entdeckten Depeschen seien wohl aber nicht an die Enthüllungsplattform Wikileaks weitergegeben worden, erklärte David Shaver, ein Computerexperte der US-Armee. Shaver sagte dies bei einer am Samstag begonnenen Anhörung auf dem US-Militärstützpunkt Fort Meade nahe Washington aus.

Hat Manning den «Feind unterstützt»?

Der 24-jährige US-Soldat Manning wird beschuldigt, geheime Militärdokumente an Wikileaks weitergegeben zu haben. Bei der eine Woche andauernden Anhörung wird nun erst geklärt, ob die Beweise für eine Eröffnung eines Militärprozesses ausreichen.

Kommt es dazu, droht dem Soldaten im Fall eines Schuldspruches eine lebenslange Gefängnisstrafe. Insgesamt gibt es 22 Anklagepunkte, Hauptanklagepunkt ist «Unterstützung des Feindes». Und es scheint, als käme es tatsächlich zu einem Prozess. Denn die Verteidigung zielte bereits am ersten Verhandlungstag auf eine Reduktion des Strafmasses – statt auf einen Freispruch. Hier mehr.

Militärdokumente und ein schockierendes Video

Zwischen November 2009 und Mai 2010 soll Manning, der im Irak als Analyst der US-Armee stationiert war, US-Militärdokumente zu den Kriegen im Irak  und in Afghanistan an Wikileaks weitergegeben haben. Darunter sollen die 260’000 vertraulichen Depeschen sein, mit deren Veröffentlichung Wikileaks im Juli 2010 für Wirbel gesorgt hatte.

Weltweit hatten vor allem auch die Bilder einer Videokamera, der «Gun Camera» eines US-Kamfhelikopters, geschockt. Wie «Spiegel-Online» am Sonntag berichtet hatte, befand sich in Mannings Besitz auch dieses Video, welches um die Welt ging.

Es zeigt einen tödlichen Angriff auf Zivilisten im Irak, bei dem 2007 auch zwei Mitarbeiter der Presseagantur Reuters getötet wurden. Wikileaks veröffentlichte das Video schliesslich unter dem Titel «Collateral Murder».

Computerexperte Shaver musste sich am Montag dem Kreuzverhör der Verteidigung stellen, nachdem er am Vortag bereits bezeugt hatte, dass auf von Manning genutzten Computern diplomatische Depeschen des Aussenministeriums gefunden worden waren.

Keine Beweise – nur Vermutungen

Die 10’000 zusätzlichen Depeschen hätten sich in einer komprimierten Datei befunden, die offenbar beschädigt gewesen sei, sagte Shaver. Vermutlich habe Wikileaks sie deshalb nicht veröffentlicht, sagte der Experte auf eine entsprechende Nachfrage.

Shaver zufolge wurden 100’000 weitere Depeschen des US-Aussenministeriums auf einem Computer gefunden, den Manning zwischen November 2009 und Mai 2010 nutzte. Allerdings räumte Shaver in dem Verhör ein, dass der Computer von mehreren Menschen genutzt wurde und die Dateien nicht direkt mit Mannings Profil in Verbindung gebracht werden könnten.

Manning sitzt in einer 8 m2 grossen Zelle

Der mutmassliche Wikileaks-Informant sitzt bereits seit Juli 2010 im Gefängnis. Im April 2011 wurde er in ein anderes Gefängnis im Bundesstaat Kansas verlegt, nachdem auch die Menschenrechtsorganisation «Amnesty International» die Haftbedingungen des damals 23-Jährigen als «unmenschlich» bezeichnet hatte. Manning darf nun Besuch empfangen und Kontakt zu anderen Häftlingen haben.

(sda/afp/godc)

http://www.tagesschau.sf.tv/Nachrichten/Archiv/2011/12/20/International/Wikileaks-Noch-mehr-belastendes-Material-auf-Mannings-PC

 

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