Vaughan Smith berichtet über das Zusammenleben mit Julian Assange

gulli.com / 04.08.2011
Der britische Journalist Vaughan Smith, bei dem WikiLeaks-Gründer Julian Assange seit mittlerweile über einem halben Jahr wohnt, sprach in einem Interview erstmals über seinen prominenten Gast. Dabei sagte er unter anderem, Assange, der derzeit unter Hausarrest steht, werde “von Groupies verfolgt”.
Vaughan Smith Interview - Julian AssangeSmith berichtet, Assange habe zunächst mehrere Monate im Londoner “Frontline Club” – einem Hotel und Treffpunkt für Journalisten, insbesondere Kriegsberichterstatter – gelebt. Von dort aus habe er die Veröffentlichung der “Iraq War Logs”, einer Reihe von Geheimdokumenten über den Irakkrieg, koordiniert. In dieser Zeit wurden Assange und Smith enge Freunde, so dass Smith Assange erlaubte, während der Vorbereitung des Cablegate-Leaks in seinem Privathaus zu wohnen. Als Assange im Dezember vor Gericht kam, wurde ihm auferlegt, im Rahmen seines Hausarrestes weiterhin bei Smith zu wohnen. Hätte Smith, der vor seiner journalistischen Tätigkeit Soldat war und somit vom Gericht als vertrauenswürdig eingestuft wurde, dies nicht angeboten, wäre Assange wahrscheinlich in Untersuchungshaft geblieben, deutete der Richter damals an.

In seinem ersten Interview über das Zusammenleben mit Assange sagte Smith: “Ich habe bestimmt nicht gedacht, dass er acht Monate lang bleiben würde. Aber wir haben es geschafft, dass es funktioniert, und darauf bin ich stolz.” Anfangs, so erinnert er sich, habe er sich von den zahlreichen Pressevertretern, die sich für Assange interessierten, richtiggehend belagert gefühlt. Dabei sei es auch zu Konfrontationen gekommen, die er bis heute bereue. WikiLeaks sei immerhin “die paranoideste Organisation der Welt,” so Smith.

Assange sei aber nicht nur von Journalisten belagert worden. Zunehmend seien auch parfümierte Briefumschläge weiblicher Groupies in der Post gewesen. “Wir hatten definitiv ein Problem mit Groupies. Sie mieteten ein Haus im Dorf, eine Groupie-Kommune, größtenteils Deutsche oder Österreicherinnen, die glaubten, wenn sie einfach hier beim Haus auftauchen würde, würde Julian sie hereinlassen. Julian wird von einem bestimmten Typ Frauen gejagt, und gejagt ist das richtige Wort, die ziemlich aufdringlich sein können. Sie kommen größtenteils aus Osteuropa. Es ist außergewöhnlich,” berichtet Smith.
Assange verbringe viel Zeit in der Nähe der Frau und der drei- und vierjährigen Töchter Smiths, so der das Interview führende Journalist Alexi Mostrous. Habe Smith angesichts dieser Tatsache nicht wissen wollen, was in Schweden – wo zwei Frauen Assange Vergewaltigung und sexuelle Nötigung vorwerfen – wirklich geschehen sei? Smith erklärt: “Es gab kein formales Gespräch, das wäre doch ziemlich stillos, oder? Man hat den Instinkt, es nicht anzusprechen. Und ich war Soldat, verdammt nochmal. Ich glaube, dass ich den Unterschied erkennen kann zwischen einem gefährlichen Menschen und jemandem, der Gelegenheiten ergreift, wenn sie ihm geboten werden.” Bei den Vorwürfen handle es sich zudem um eine weniger schwere Kategorie von Vergewaltigung – das schwedische Recht unterscheidet diese – und Smith sagt, wenn er ehrlich sei, habe er als junger Mann in den Zwanzigern selbst “häufig respektlos zu verhalten versucht, wie es glaube ich viele Männer tun.” Smith betont, er kenne Assange gut und er habe niemals den Eindruck gehabt, dass es “unangemessen” sei, ihn in seinem Haus zu haben. “Keiner von uns glaubt, dass er ein Vergewaltiger ist,” so Smith. Er verglich Assanges Verhalten mit dem Angeben mit sexuellen Eroberungen, wie er es bei männlichen Soldaten häufig beobachtet habe. Smith berichtet, er halte seine Frau und seine beiden Töchter im Teenager-Alter – die aus seiner ersten Ehe stammen und daher nicht ständig bei ihm leben – für gute Menschenkennerinnen, und keine von ihnen fühle sich in Assanges Gegenwart unwohl. Gerade seine zweite Frau Pranvera habe sich sehr für Assange eingesetzt, berichtet der Journalist.

WikiLeaks (Logo)Smith berichtet auch über seine Motive dafür, Assange und WikiLeaks zu unterstützen – eine Tatsache, die einige Leute überrascht, da die meisten WikiLeaks-Befürworter politisch links stehen, während Smith eher konservative Ansichten hat. Smith berichtet, dass acht der 17 Reporter seiner Nachrichtenagentur “Frontline Television News” seit 1989 getötet wurden. Die Agentur sei zudem von den Branchengrößen wie etwa der BBC als Außenseiter behandelt und oft unfair behandelt worden. Oftmals sei man nicht als Quelle genannt worden, auch wenn TV-Sender das Material verwendet hätten. Letztendlich scheiterte die Agentur. “Wir sind ein großes physisches Risiko eingegangen im Interesse unseres Berufsstandes in einer Industrie, die wenig Respekt für uns hatte,” erklärt Smith, “Also wenn jemand wie Assange ankommt und die Industrie ihn fertigmacht, und ich die Hälfte meiner Freunde verloren habe, was habe ich zu verlieren? Ich denke, was würden sie machen? Was würden sie von mir erwarten? Ich habe all diese Freunde, die für das, woran sie glauben, getötet wurden.

Smith hat wenig Respekt für diejenigen, die WikiLeaks loben, aber Assange nicht leiden können. “An irgendeinem Punkt muss man Julian für WikiLeaks Respekt zollen,” betont er. Diesbezüglich müsse man konsequent sein – auch wenn dies, wie bei ihm selbst, den Alltag sehr durcheinander bringen kann. So würden seine Frau und er häufig Fremde in ihrer Küche antreffen, da Assange von zahlreichen Unterstützern umgeben sei. “Es ist totales Chaos. Komplette Irre. Aber es war bisher jede Belastung wert,” sagt Smith.

Assange beschreibt der Journalist als schwierig; teilweise verhält dieser sich offenbar wie ein “launischer Teenager“. Er “isst wenn er hungrig ist, schläft wenn er müde ist“, berichtet Smith. Hausregeln seien erst aufgestellt und dann ignoriert worden. Assange habe “kein Interesse an Essen” und würde oft Mahlzeiten auslassen. Im Haushalt helfen würde er nur, wenn andere ihn auf die Idee brächten: “Wenn er sieht, dass du abwäschst, kommt er und hilft dir, aber er wird nicht damit anfangen,” beschreibt Smith. Assange sitze eigentlich ständig vor dem Computer. Bemerkenswert sei, dass Assange sich auch unter chaotischen Bedingungen auf seine Arbeit konzentrieren könne. Zudem sei er äußerst tolerant und ein interessanter Gesprächspartner. Er sei aber am zufriedensten, wenn man ihn in Ruhe lasse und er seine Arbeit machen könne. Manchmal gehe er zu merkwürdigen Tageszeiten Joggen oder Schwimmen. Er sei ein Workaholic und die meiste Zeit weniger an den schönen Seiten des Lebens interessiert. Berichte über Assanges angeblich mangelnde Hygiene hält Smith für lächerlich. Bei einem unverheirateten Mann sei das “eine merkwürdige Sache, um daraus ein Problem zu machen“. Um Belange wie Assanges Wäsche oder das Kaufen seiner Kleidung würden sich mittlerweile ohnehin meist Unterstützer oder aber Smiths Haushälterin kümmern.

Glaubt Smith, dass Assange ein Held ist? “Bestimmt nach einigen Maßstäben, ja,” sagt Smith. Wenn Assange sein Haus verlasse, würde er ihn trotz des derzeit herrschenden Chaos vermissen.

Quelle: http://www.gulli.com/news/16771-vaughan-smith-berichtet-ueber-das-zusammenleben-mit-julian-assange-2011-08-04
*Foto von Julian Assange aus dem Artikel der Times: http://www.thetimes.co.uk/tto/public/life/article3114254.ece

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