Unautorisierte Autobiografie Julian Assanges erscheint

21.09.2011

Die Situation ist skurril: In Großbritannien erscheint ein Buch über den WikiLeaks-Gründer Julian Assange, an dem er selbst mitgearbeitet hat – gegen seinen Willen. Assange sprach für die Biografie mit einem Ghostwriter, lehnte das Manuskript aber am Ende ab. Der Verlag publiziert es trotzdem.

Der kleine schottische Verlag Canongate Books hatte im Dezember 2010 einen damals vielbeachteten Vertrag mit dem WikiLeaks-Gründer geschlossen. Umgerechnet über 1,2 Millionen Euro werde Assange das Buch einbringen, wurde damals berichtet. Nun erscheint das damals angekündigte Buch – gegen Assanges Willen.

Als er im britischen Landsitz Ellingham Hall unter Hausarrest stand, sprach Assange viele Stunden mit einem Ghostwriter, dem britischen “Independent” zufolge dem schottischen Romanautor Andrew O’Hagan. Der schrieb ein Manuskript, in dem der Lebensweg des WikiLeaks-Gründers nachgezeichnet wird: Seine Kindheit in einer ständig auf Wanderschaft befindlichen Kleinstfamilie in Australien, seine Erfahrungen als Mitglied der Hackerkreise in Melbourne Ende der Achtziger und in den Neunziger Jahren, die WikiLeaks-Gründung und auch die sexuellen Begegnungen, die schließlich zu Anklagen wegen sexueller Nötigung in Schweden führten, kommen dem “Independent” zufolgedarin vor.

“Einigendes Dokument unserer Generation”

Assange ließ auch ein Porträtfoto von sich anfertigen, gab offenbar Teile seines beträchtlichen Buch-Vorschusses für seine Verteidigung und juristische Beratung aus. Einer Stellungnahme des Verlags zufolge änderte er Ende März 2011 jedoch seine Einstellung zu dem Projekt. Die erste Rohfassung der Biografie habe er mit den Worten “Jede Art von Memoiren ist Prostitution” kommentiert.

Zuvor hatte Assange noch vollmundig und wenig bescheiden angekündigt, das Buch werde Manifest-Charakter haben: “Ich hoffe, dieses Buch wird eines der einigenden Dokumente unserer Generation werden.” Es werde ein “sehr persönliches Werk” werden, in dem er “unseren globalen Kampf um ein neues Verhältnis zwischen den Menschen und ihren Regierungen” erläutern werde.

Der Verlag kommentiert diese Einlassung rückblickend mit den Worten: “Am Ende erwies sich das Werk als zu persönlich.” Im Juni erklärte Assange dem “Independent” zufolge, er wolle aus dem Vertrag aussteigen. Sein Ghostwriter O’Hagen will ob der Kontroverse seinen Namen nicht mehr mit dem Buch in Verbindung gebracht wissen.

Assange wird als Autor geführt

Obwohl Assange seine Unterstützung für das Projekt zurückgezogen hat, will Canongate nun dennoch veröffentlichen. Es erscheint nun unter dem kuriosen Titel: “Julian Assange – die unautorisierte Autobiographie”. Assange selbst wird als Autor des Werkes benannt.

Assange habe seinen Vorschuss ausgegeben und könne ihn nicht zurückzahlen, so die Mitteilung des Verlags, zudem teile man seine Einschätzung zu dem Buch nicht: “Wir glauben, dass es sowohl den Mann als auch seine Arbeit erklärt und seine Verpflichtung gegenüber der Wahrheit unterstreicht.” Assange selbst habe immer gesagt, das Buch sei “gut geschrieben”. Das sehe man genauso und werde es deshalb auch Lesern zugänglich machen.

Natürlich dürfte es bei der Entscheidung letztlich auch um Geld gehen: Canongate hat nicht nur Assange einen Vorschuss in Höhe von angeblich vielen Hunderttausend Euro bezahlt, der Verlag hat die Rechte an dem Werk auch bereits an andere Verlagshäuser weiterveräußert.

http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,787651,00.html

 

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