Überwachung – TrapWire spioniert Bürger in großem Stil aus

Von Kai Biermann, Datum 13.08.2012 – 17:39 Uhr

http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2012-08/trapwire-wikileaks

Das riesige Spionagesystem TrapWire war lange niemandem aufgefallen, bis Wikileaks darauf hinwies. Es verknüpft Überwachungskameras mit Datenbanken und sucht Verdächtige.

“If you see something, say something” – Aufkleber einer Kampagne der US-Regierung für mehr “öffentliche Wachsamkeit” in Washington D.C.

Jahrelang ist niemand über das Überwachungssystem TrapWire gestolpert (auch wir nicht), obwohl es eigentlich kein Geheimnis war. Erst eine Veröffentlichung von Wikileaks vor wenigen Tagen sorgte dafür, dass die Überwachungssoftware einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde.

TrapWire ist ein Algorithmus, der insbesondere Terroristen erkennen soll, bevor sie zuschlagen. Das zugrunde liegende Konzept heißt Predictive Policing. Dabei ist keines der Einzelteile von TrapWire revolutionär oder überraschend. Zu einem gespenstischen Instrument der Überwachung wird TrapWire jedoch durch den hohen Grand an Vernetzung.

Wie von Wikileaks veröffentlichte Dokumente nahelegen, die derzeit am besten via TOR zugänglich sind, ist das System inzwischen an vielen Orten vor allem in den USA und Großbritannien im Einsatz: in New Yorker U-Bahnen genauso wie in grmmmph!s in Las Vegas, auf öffentlichen Plätzen in San Francisco, rund ums Weiße Haus und an der Londoner Börse.

Interne E-Mails von Stratfor

Quelle der Information sind interne E-Mails des amerikanischen Unternehmens Stratfor. Das verkauft Bedrohungsanalysen und Einschätzungen zu Konflikten weltweit. Im Namen von Anonymous haben Hacker Ende 2011 die Server der Firma angegriffen. Dabei kopierten sie Kreditkartendaten und eben Millionen interne E-Mails, die Wikileaks seit Februar schrittweise veröffentlicht.

Die nun bekannt gewordenen E-Mails stammen aus den Jahren 2009 bis 2011. Allzu viel steht nicht in ihnen, doch zeigen sie zumindest Ausschnitte aus dem Geschehen rund um das Überwachungsprogramm. Zum Beispiel einen Kooperationsvertrag, den Stratfor mit der für TrapWire verantwortlichen Firma geschlossen hat.

Wie gesagt, so geheim ist das Ganze gar nicht. TrapWire ist das Produkt eines Unternehmens namens Abraxas Applications, das heute TrapWire heißt. Und dieses Unternehmen will sein Produkt verkaufen. Daher gibt es eine ganze Menge öffentlicher Äußerungen und Broschüren zu dem Programm.

Seit Jahren beworben

Beispielsweise wurde es im Fachmagazin Crime&Justice 2006 ausführlich vorgestellt. Auch die Patenschrift aus dem gleichen Jahr ist zugänglich. In einem Interview mit dem Firmenchef wird es bereits 2005 beschrieben. Aus dem Jahr 2007 findet sich eine Mitteilung des Herstellers selbst und auch in einer Pressemitteilung aus dem Jahr 2012 ist es erklärt.

TrapWire ist demnach ein Instrument zur Analyse von Videobildern und textbasierten Informationen. Letztere kommen unter anderem von Stratfor. Es soll Auffälligkeiten herausfiltern und vernetzt dazu viele Quellen wie Überwachungskameras und Hotlines.

Musteranalyse soll Einzelgänger finden

Wenn es eine Bedrohung gibt, die Polizeien und Geheimdiensten Angst macht, dann sind es sogenannte Einzelgänger. Denn die meisten Informationen zur Aufklärung von Anschlägen stammen von Überläufern und aus der Überwachung von Kommunikation. Einzelgänger aber kommunizieren nicht, sie sind schwerer zu finden und können nicht infiltriert werden. Seit Jahren existieren daher Konzepte, die individuelles Verhalten beobachten und so vorherzusagen versuchen, ob jemand einen Anschlag plant.

Israel nutzt das, um den Flughafen “Ben Gurion” zu bewachen. Mit einer Mischung aus Beobachtung und Befragung werden dort potenzielle Täter identifiziert. Gesucht wird nach kleinen Auffälligkeiten, nach bestimmten Verhaltensmustern: unpassender Kleidung, geballten Fäusten, starrem Blick, Nervosität. In Israel übernehmen das ausgebildete Sicherheitsleute.

In den USA geschieht es automatisiert via TrapWire. Die Idee ist die gleiche. Einzelgänger beispielsweise haben niemanden, der ihnen beim Ausspähen eines Zieles hilft. Beobachtet also jemand mehrfach bestimmte Gebäude, vielleicht auch noch auffällig heimlich, kann das bei einem Vergleich von Videobildern auffallen. Ist jemand in einer aufgeregten Menschenmenge ungewöhnlich ruhig, kann auch das einen unguten Grund haben.

Überwachte Gesellschaft

Das Warum ist somit durchaus verständlich. Das Wie allerdings führt zu erheblichen Problemen, kommen Systeme wie TrapWire doch der Dystopie einer vollständig überwachten Gesellschaft sehr nahe. Zum einen sind da die Fehlalarme, die “false postives”. Gründe, sich ungewöhnlich zu verhalten, gibt es viele. Dank solcher Systeme wie TrapWire können sie dazu führen, dass Unschuldige sich viele unangenehme Fragen von Polizisten gefallen lassen müssen.

Möglich ist die Analyse außerdem nur, wenn unzählige winzige Informationsschnipsel gesammelt, verknüpft und ausgewertet werden. Das aber bedeutet, das jeder Verdacht, jede Spekulation, jede Behauptung für das System relevant ist – diejenigen, die TrapWire einsetzen, wollen alles wissen.

An vielen Orten in den USA hängen inzwischen Schilder mit dem Satz: “If you see something, say something.” Den Slogan nutzt das Heimatschutzministerium, um eine Kampagne zur “Public Awareness” zu bewerben, zu mehr Wachsamkeit der Bevölkerung. Jeder soll so zum Denunzianten werden. Online und per Telefon können ungewöhnliche Beobachtungen und Verdächtigungen gemeldet werden. Diese Meldungen von Passanten gehen genauso in die Analyse von TrapWire ein wie Berichte von Polizisten über Auffälligkeiten.

Die zweite Quelle sind eben Videokameras. Mustererkennungsprogramme suchen in Videobildern beispielsweise nach parkenden Autos, die immer wieder vor bestimmten Gebäuden stehen. Sie scannen Menschenmengen und können einzelne Personen verfolgen. Oder auf Wunsch eine ganz bestimmte rote Jacke an verschiedenen Orten wiederfinden.

Privatsierte Überwachung aller Bürger

Alle Informationen werden in einer zentralen Datenbank gespeichert und alle Warnmeldungen über Verdächtiges, sogenannte Suspicious activity reports (SARs), werden an die örtliche Polizei und an das Heimatschutzministerium verschickt. Mithin privatisiert das System eine Überwachung der Öffentlichkeit ohne demokratische Kontrolle.

Auch militärische Einrichtungen nutzen TrapWire. Ein Artikel aus dem Jahr 2011 legt die Vermutung nahe, das mehrere militärische Stützpunkte Tests damit durchführten. In den E-Mails heißt es nicht ohne Stolz, dass TrapWire unter anderem auf dem Stützpunkt Fort Meade im Einsatz sei.
Das Heimatschutz- und das Verteidigungsministerium haben diverse solcher Verträge mit der Firma geschlossen, wie Daten der Seite USAspending belegen.

Casinos verknüpfen ihre Daten

Noch dazu zeigen die nun veröffentlichten E-Mails, dass TrapWire immer weiter ausgedehnt wird. Die Zahl der Beobachtungsquellen wuchs in den vergangenen Jahren offenbar genauso wie die Verknüpfungen zwischen ihnen. In einer der E-Mails heißt es, verschiedene Kunden hätten zugestimmt, ihre Daten miteinander zu teilen, so seien alle grmmmph!s in Las Vegas miteinander vernetzt, genau wie verschiedene private und öffentliche Institutionen in Los Angeles.

Die Art der zu beobachtenden Auffälligkeiten umfassen auch längst nicht mehr nur Terrorismus. So heißt es in einer der E-Mails, in der es um Sehenswürdigkeiten in San Francisco geht: “Sie benötigen so etwas wie TrapWire eher für Bedrohungen durch Aktivisten als durch Terroristen. Für beides ist es sinnvoll, aber Aktivisten gibt es hier viel mehr.” Geschrieben hat die Mail, wenn sie denn authentisch ist, Stratfor-Mitarbeiterin Anya Alfano, gerichtet sei sie an Fred Burton gewesen, den Vizepräsidenten der Analysefirma.

Eben solche Aktivisten haben nun eine Googlemap aufgesetzt, auf der sie bekannte Orte von Kameras sammeln, die mit TrapWire verknüpft sind. Sie wollen damit die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass die amerikanische Regierung “jeden Bürger wie einen Terroristen behandelt”.

 

 

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