Statt Neustart: Wikileaks entdeckt die Überwachungs-Industrie

Torsten Kleinz | 01. Dezember 2011 | 16:40 Uhr

GPS-Wanzen, handliche Geräte um den Verkehr von Internetcafes abzufangen, Analysetools zum Belauschen der Internetnutzer eines ganzen Landes – mit “Spy Files” widmet sich Wikileaks nun der Überwachungsindustrie. Doch ein Neustart der Enthüllungsplattform ist das noch nicht: Whistleblower bleiben außen vor.

Neustart für Wikileaks? (Foto: Abode of Chaos, Quelle: Flickr, CC BY 2.0)

Staatliche Überwachung durch Spezialfirmen

Die Überwachungsindustrie floriert: Ihr Geschäftsmodell ist es, möglichst viel in Erfahrung zu bringen und sich dabei möglichst unsichtbar zu verhalten. Beispielhaft dafür sind Unternehmen wie die italienische Firma Hacking Team, die französische Firma Qosmos oder die deutsche Firma DigiTask. Sie produzieren und vermarkten Geräte und Programme für die “lawful interception”, die staatliche Überwachung von Verdächtigen.

Doch in den vergangenen Monaten wurde immer öfter klar, dass die Branche nicht nur mit Rechtsstaaten Geschäfte macht, sondern auch Diktatoren und autokratische Regime mit der Technik versorgte, die diese zur Unterdrückung der Opposition und der Meinungsfreiheit einsetzten. Gleichzeitig werden immer neue Skandale bekannt, etwa die Handyüberwachung Tausender Demonstranten in Dresden oder der gesetzeswidrige Einsatz eines Trojaner-Programms durch deutsche Polizeibehörden. Seit Monaten brodelt das Thema in der öffentlichen Diskussion: Sind nicht Hacker und Online-Kriminelle die eigentliche Bedroung für die Sicherheit im Netz, sondern sind es die eigenen Behörden?

Keine Kommunikation ist sicher

Das Thema kommt Julian Assange Recht. Der Wikileaks-Gründer wartet derzeit in Großbritannien auf die höchstrichterliche Entscheidung über seine Auslieferung nach Schweden, wo ihm ein Verfahren wegen Vergewaltigungsvorwürfen droht. Am Donnerstag hatte Wikileaks nun zu einer Pressekonferenz eingeladen, und Großes angekündigt. Hier enthüllte er vor zahlreichen Journalisten die “Spy Files”: 238 Dokumente, die das Treiben der Überwachungsindustrie dokumentieren sollen. Die These: Staaten haben sich unserer Kommunikationswege bemächtigt. “Wer von Ihnen nutzt ein iPhone, Gmail oder einen Blackberry?”, fragte Assange die anwesenden Journalisten. “Nun, wenn sie es tun, sind sie geliefert.”

In der Tat zeigen die Dokumente das breite Spektrum der staatlichen Überwachung. Verschiedene Organisationen wie das Bureau of Investigative Journalism – das Büro für investigativen Journalismus – haben sich auf Verkaufsmessen der Überwachungsindustrie eingeschlichen, um dort die Prospekte und Präsentationen der Firmen abzuschöpfen. Solche Unterlagen werden meist nur unter der Hand an interessierte Kunden verteilt – schließlich sollen die Überwachten nicht ahnen, mit welchen Techniken sie belauscht werden können. So zum Beispiel das koffergroße Gerät der Firma Digitask, das speziell dafür geschaffen wurde, den Internetverkehr in WLAN-Netzen an Flughäfen oder in Cafes abzuschöpfen. Oder die GPS-Wanze, die nun sogar per Handynetz mitteilen kann, wann ihre Batterie ausgetauscht werden muss.

Wenig skandalöses Sammelsurium

Neu oder besonders informativ sind die Unterlagen freilich nicht – sie belegen weder, welche Technik an welchen Staat verkauft wurde, noch legen sie tatsächlich neue Schwachstellen auf. Dass zum Beispiel eine Firma per iTunes-Update Skype-Gespräche ablauschen wollte, wurde bereits im November vom Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” veröffentlicht. Dies ist auch Assange bewusst: das Projekt soll eine fortlaufende Materialsammlung werden, für die er trotz der Streitigkeiten mit vielen Medien Kooperationspartner gewinnen konnte – unter anderem die “Washington Post”.

Doch auch weiterhin wird Wikileaks nur auf Sparflamme betrieben. Denn die eigentliche Aufgabe, Dokumente von Whistleblowern anzunehmen und zu veröffentlichen, hat die Enthüllungsplattform 2010 eingestellt – zu Gunsten der Veröffentlichung spektakulärer Leaks aus der US-Regierung. Hinzu kamen personelle Querelen – wichtige Mitarbeiter wandten sich von Assange ab und hinterließen ein technisches Trümmerfeld.

Neue Plattform immer noch nicht in Betrieb

Davon scheint sich Wikileaks immer noch nicht erholt zu haben. Eigentlich wollte Assange am Montag bereits eine neue technische Plattform vorstellen, die Wikileaks wieder zum Regelbetrieb befähigen sollte – doch die selbst gesetzte Frist ist verstrichen. Ob und wann Wikileaks wieder seine Kernmission aufnehmen kann, ist unklar.

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http://blog.zdf.de/hyperland/2011/12/statt-neustart-wikileaks-entdeckt-die-ueberwachungs-industrie

 

 

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