Prozess gegen Bradley Manning: Neue Spuren führen zu WikiLeaks-Gründer Assange

20.12.2011, von Christian Stöcker

Die Beweislast gegen Bradley Manning wächst. Dateien scheinen zu belegen: Der US-Soldat war die Quelle Abertausender Geheimdokumente, die WikiLeaks veröffentlichte. Neue Hinweise gibt es auch für eine Verbindung zwischen Manning und Julian Assange – für den viel auf dem Spiel steht.

REUTERS Bradley Manning (19. Dezember): Erdrückende Beweise

Hamburg/Fort Meade – Bradley Manning hat versucht, Spuren zu verwischen. Das sagten Computerforensiker im Prozess gegen den ehemaligen Obergefreiten der US-Armee aus. Manning verschlüsselte demnach Dateien, nutzte abhörsichere Kommunikationskanäle und überschrieb seine Festplatte. Und doch scheint der Soldat erdrückende Beweismittel dafür hinterlassen zu haben, dass er die Quelle Abertausender geheimer Dokumente der US-Armee und des US-Außenministeriums war, die schließlich bei WikiLeaks landeten.

Im Moment wird entschieden, ob Manning vor ein Kriegsgericht kommt – wird er der schwersten Anschuldigungen überführt, droht ihm lebenslange Haft. Doch die Anhörung, die derzeit stattfindet, hat nicht nur Implikationen für den 24-jährigen Manning. Auch die Zukunft von WikiLeaks-Gründer Julian Assangekönnte vom Verlauf des Prozesses abhängen.

Dateien vollständig von einem Computer zu löschen, ist keine triviale Aufgabe. Manning habe mit einem speziellen Programm Teile seiner Festplatte mit Nullen überschrieben, berichtete ein Sachverständiger dem Militärgericht in Fort Meade im US-Bundesstaat Maryland. “Alles, was von Anfang Januar (2010) und der Zeit davor stammt, ist weg”, sagte Mark Johnson, ein von der Armee angeheuerter Spezialist für Computerforensik. Im Frühjahr 2010 veröffentlichte WikiLeaks ein “Collateral Murder” betiteltes Video aus einer Kampfhubschrauber-Bordkamera; die ersten Daten, die angeblich von Manning stammen.

Die Beweise für Mannings Schuld, die nun Tag für Tag angehäuft werden, scheinen erdrückend. Der ehemalige Armee-Analyst, da ist die Anklage sicher, war die Quelle für Videos aus der Bordkamera eines Apache-Kampfhubschraubers im Irak. Das Material zeigt die Tötung mehrerer Zivilisten, darunter zwei Reuters-Mitarbeiter – und Abertausender geheimer Dokumente aus US-Beständen, die schließlich via WikiLeaks veröffentlicht wurden. Kriegsberichte aus dem Irak und Afghanistan, Depeschen aus US-Botschaften rund um die Welt. In Teilen wurden sie von internationalen Medien, darunter auch vom SPIEGEL, veröffentlicht.

Ein Passwort für Laptop, Chat, verschlüsselte Dateien

Zwei Bündel Daten, die WikiLeaks später veröffentlichte, fanden die Ermittler offenbar auf einer Speicherkarte im Haus von Mannings Tante. Sowohl 400.000 Einsatzberichte aus dem Irak als auch 91.000 aus Afghanistan seien darauf gespeichert gewesen. Zwar waren die Dateien verschlüsselt, doch Manning machte dem Computerforensiker David Shaver zufolge einen entscheidenden Fehler: Er benutzte für die Verschlüsselung das gleiche Passwort wie jenes, mit dem sich auch sein MacBook starten ließ. Der Staatsanwalt frage Schaver: “Da haben sie also Glück gehabt?” Shaver antwortete: “Yes, Sir”, wie “Wired” berichtet.

Begleitet waren die beiden Dateien, die exakt zu den WikiLeaks-Veröffentlichungen aus dem Sommer 2010 passen, von einer Art Anschreiben: “Dies ist eines der bedeutsamsten Dokumente unserer Zeit”, ist darin zu lesen. Die Dokumente enthüllten “die wahre Natur der assymmetrischen Kriegführung des 21. Jahrhunderts. Ich wünsche einen schönen Tag.” Davor steht der Ratschlag, mit der Veröffentlichung der Dokumente “90 bis 180 Tage zu warten”, um “eine so große Datenmenge bestmöglich zu verteilen und die Quelle zu schützen”.

Ist “Dawgnetwork” Julian Assange?

Das Passwort verwendete Manning Shavers Aussage zufolge noch in einem anderen Zusammenhang. Auf dem Rechner des Soldaten fanden sich demnach auch 14 bis 15 Seiten Chatprotokolle, die eine Kommunikation zwischen Manning und einer Person dokumentieren, von der die Ermittler glauben, es handele sich um Julian Assange. Der Chat war verschlüsselt – aber offenbar verwendete Manning dort wiederum das gleiche Passwort.

Manning benutzte ein Chatprotokoll namens Jabber und kommunizierte mit jemandem mit dem Chat-Namen [email protected] über den Chatserver des deutschen Chaos Computer Clubs. Die Adresse jabber.ccc.de hatte Manning auch im Chat mit dem Hacker Adrian Lamo genannt, als der fragte, wie man Julian Assange erreichen könne. Dass die Aufzeichnung des Chats zwischen Lamo und Manning, die “Wired” schon vor Monaten veröffentlichte, echt ist, gilt inzwischen als gesichert: Eine Kopie des Protokolls fand sich ebenfalls auf Mannings Rechner.

In den Chatlogs zwischen Manning und, mutmaßlich, Assange, taucht auch ein Verweis auf vorangegangene Konversationen auf. Johnson erklärte vor Gericht “Wired” zufolge: “Irgendwann sprachen sie, glaube ich, darüber: ‘Hast Du Informationen bekommen?’ Und woher sollte das stammen, wenn sie sich nicht vorher gekannt hätten”, so Johnson.

Im Chat als Quelle des Apache-Videos geoutet

Diese Chatprotokolle als Beweis für eine aktive Rolle von Assange in der Angelegenheit zu betrachten, ginge aber wohl etwas weit. Dazu müssten ihm die US-Ankläger zunächst nachweisen, dass er tatsächlich persönlich hinter dem Jabber-Account [email protected] steckte.

Für Assange ist die Frage, inwieweit er Manning womöglich überredete, ihm die Dateien zu übergeben, von zentraler Bedeutung: Die Veröffentlichung geheimer Informationen an sich ist in den USA nicht strafbar. Sollte man ihm jedoch nachweisen können, dass er sich an einer Verschwörung zum Geheimnisverrat beteiligt hat, würde das seine juristische Situation beträchtlich verändern. In den USA arbeitet derzeit eine sogenannte Grand Jury daran, eine Anklage gegen Assange auf die Beine zu stellen. Assange selbst befindet sich in Großbritannien und kämpft gegen seine Auslieferung an Schweden, wo zwei Frauen ihm sexuelle Nötigung und Vergewaltigung vorwerfen.

 

Manning selbst belastete sich offenbar noch in einem weiteren Chat mit dem Fotografen Eric Schmiedl. Darin bekannte er einer auf seinem Rechner gefundenen Logdatei zufolge, dass er die Quelle des Videos aus der Apache-Bordkamera gewesen sei.

Shaver zufolge wurden 100.000 weitere Depeschen des US-Außenministeriums auf einem Computer gefunden, den Manning zwischen November 2009 und Mai 2010 nutzte. Shaver räumte im Verhör jedoch ein, dass der Computer von mehreren Menschen genutzt wurde und die Dateien nicht direkt mit Mannings Profil in Verbindung gebracht werden könnten. Doch es erscheint unwahrscheinlich, dass solche Nebenschauplätze Manning noch retten können.

Die Verteidigung hat das womöglich längst akzeptiert. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge verlegt sie sich auf eine andere Argumentationslinie: Mannings Homosexualität in Zeiten der “Don’t Ask, Don’t Tell”-Politik der US-Armee habe den Soldaten verwirrt und vereinsamt zurückgelassen. Er selbst hielt sich möglicherweise für transsexuell, entwickelte online ein weibliches Alter Ego namens Breanna. Manning, so argumentieren seine Anwälte, hätte in seinem emotionalen Zustand nicht in der Position belassen werden dürfen, in der er Zugriff auf so geheime Daten hatte.

http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,804767,00.html

 

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