Flucht nach vorn – WikiLeaks stellt US-Depeschen selbst ins Netz

Alle Dokumente, alle Namen: Die Enthüllungsplattform WikiLeaks hat nach einer Abstimmung auf Twitter Hunderttausende US-Botschaftsdepeschen im Internet veröffentlicht. Zuvor war dem Netzwerk schon ein verschlüsseltes Archiv und das dazugehörige Passwort abhanden gekommen.

Hamburg – Die Enthüllungsplattform Wikileaks hat nach der schweren Datenpanne um die geheimen US-Depeschen den kompletten Datensatz jetzt selbst online veröffentlicht. Das teilte die Gruppe über Twitter mit. Damit sind nun auch die Namen von Informanten der US-Botschaften auf der WikiLeaks-Website öffentlich, die teilweise sensible Informationen lieferten.

Ursprünglich hatten Wikileaks-Gründer Julian Assange und seine Medienpartner, darunter auch der SPIEGEL, die Identifikation der Informanten unterbinden wollen, indem sie deren Namen und sensible Informationen unkenntlich gemacht hatten. Allerdings geriet die verschlüsselte Datei mit den unredigierten Namen in Umlauf , das Wissen um die Existenz der verstecken Datei wurde im Zuge einer Auseinandersetzungmit dem WikiLeaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg verbreitet.

Außerdem hatte der britische Journalist David Leigh in einem Buch über WikiLeaks das Passwort zur Entschlüsselung der Botschafts-Telegramme veröffentlicht. Offenbar war der “Guardian”-Mitarbeiter davon ausgegangen, dass das Passwort nur für eine bestimmte, extra für ihn bereitgestellte Datei gültig gewesen sei, und das auch nur für wenige Stunden.

Über mehrere Monate hinweg habe sich die Kenntnis von der “Guardian”-Enthüllung in kleinen Kreisen verbreitet, erklärte WikiLeaks jetzt in einer Darstellung der Panne. “Aber in der vergangenen Woche hat das eine kritische Masse erreicht.”

Die Wochenzeitung “der Freitag”, ein Medienpartner von Domscheit-Bergs neuem Projekt Openleaks, berichtete in der vergangenen Woche über die freie Verfügbarkeit der Original-Botschaftsdepeschen. Die Folge war eine neuerliche Eskalation im Krach zwischen Domscheit-Berg und Assange. Der WikiLeaks-Gründer, der seit mehr als einem halben Jahr in London wegen angeblicher sexueller Übergriffe festsitzt , warf seinem früheren Mitarbeiter über einen Anwalt den Bruch von Absprachen und Selbstverpflichtungen sowie “ein gesteigertes Maß an Niedertracht” vor.

Der Mitarbeiter des “Guardian” hatte die sensiblen Daten von Wikileaks erhalten, die zu diesem Zeitpunkt noch in einer Medienpartnerschaft verbunden waren. Nach mehreren kritischen Artikeln im “Guardian” über Vergewaltigungsvorwürfe gegen Assange brach diese Kooperation auseinander. WikiLeaks hat den “Guardian” wegen der Veröffentlichung des Passworts kritisiert und rechtliche Schritte angekündigt, die Zeitung wies die Anschuldigungen zurück.

ore/dpa

http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,783976,00.html

 

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