Debatte um Wikileaks-Veröffentlichungen

von Hanno Burmester, Stand: 29.02.2012 18:05 Uhr

Wie brisant sind die Wikileaks-Veröffentlichungen?

Die Veröffentlichung interner E-Mails des Unternehmens Stratfor durch Wikileaks stößt auf geteilte Reaktionen. Der texanische Informationsdienstleister Stratfor verurteilte die am Montag begonnene Publikation der Unternehmensdaten scharf. In einer Videobotschaft an Stratfor-Kunden und Abonnenten bewertete der Gründer des Unternehmens, George Friedman, die Wikileaks-Aktion als “illegal” und als “direkt gegen Stratfor gerichtete Attacke”. Hinsichtlich des umstrittenen weltweiten Quellen- und Informantennetzes des Unternehmens versichert Friedman, Stratfor sei hier “den höchsten Standards ethischen und professionellen Verhaltens” verpflichtet.

Zweifel am Umgang mit Quellen und Informanten

Gerade zu Stratfors Umgang mit seinen Quellen und Informanten sind nach der bisherigen Auswertung der Wikileaks-Dokumente jedoch Zweifel angebracht. Stratfor hat Quellen anscheinend mit unseriösen Mitteln abgeschöpft. Interne E-Mails legen nahe, dass sich Mitarbeiter des Unternehmens nicht immer als solche offenbaren. Stratfor-Chef Friedman forderte zum Beispiel eine Analystin per E-Mail auf, einen Informanten “finanziell, sexuell oder psychologisch” abhängig zu machen.

Tim Shorrock, investigativer Journalist und Autor eines Buches über private Nachrichtendienste, äußert sich gegenüber ZAPP kritisch zu solchen Arbeitsmethoden. Die Informationsbeschaffung von Stratfor sehe “offensichtlich nach einer Art der Spionage” aus: “Für mich ist die Frage, wie sich Stratfor-Mitarbeiter nach außen hin zu erkennen geben. Tun sie unter Umständen so, als seien sie Regierungsmitarbeiter oder Journalisten? Wir wissen es nicht.”

Vor diesem Hintergrund kritisiert Shorrock insbesondere die fehlende Kontrolle privater Informationsdienstleister weltweit. Gerade weil private Nachrichtendienste wie Stratfor keinerlei externer Kontrolle unterliegen, könne niemand sagen, mit welchen Mitteln deren Informationen beschafft worden seien – und von welcher Qualität sie sind. Das ist laut Shorrock gerade dann ein Problem, wenn staatliche Stellen Informationen von Privatunternehmen wie Stratfor kaufen. Falsche oder fehlerhafte Analysen könnten nicht vorhersehbare Konsequenzen für das Handeln von Regierungsstellen haben.

Kontrolle gefordert

Sehr kritisch äußert sich der grüne Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele, was die Arbeitsweise von Unternehmen wie Stratfor angeht. Als Mitglied des Parlamentarischen Kontrollgremiums hat er tiefe Einblicke in die Arbeitsweise von Nachrichtendiensten. Die privaten Informationsdienstleister könnten mit ihrer Arbeit eine “gleich große Gefahr für die Privatsphäre” der Bürger darstellen wie staatliche Geheimdienste. Deshalb fordert der Parlamentarier gegenüber ZAPP “eine Gesetzesänderung, die die privaten Sicherheitsdienste reguliert”. Zudem sei auch die parlamentarische Kontrolle privater Informationsdienstleister notwendig.

Andere Beobachter schätzen den Neuigkeitswert der Wikileaks-Veröffentlichungen als eher gering ein. So äußerte Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs, über Twitter, bislang habe “der Stratfor-Leak ja eher Popcorn-Value als Großskandal-Charakter. Bin gespannt was da noch kommt”. Die bislang veröffentlichten E-Mails zeigen laut Rieger einzig “ein Unternehmen voll von Amateuren, die sich als großer Nachrichtendienst aufspielen wollen.”

Der NDR hat als investigativer Kooperationspartner von Wikileaks vorab Einblick in die Stratfor-Datensätze erhalten.

http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/wikileaks235.html

 

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