Assange will angeblich sein Buchprojekt kippen

Spiegel Online vom 07.07.2011
Der WikiLeaks-Gründer will angeblich nun doch kein Buch über sein Leben veröffentlichen – aus Angst, US-Ermittler könnten Informationen daraus gegen ihn verwenden. Assanges Verlage sollen von der Entscheidung wenig begeistert sein – doch sie könnten das Projekt ohne ihn fortführen.

Julian Assange (bei einer Veranstaltung in London): Jetzt doch keine Memoiren?

Julian Assange, Gründer und führender Kopf der Enthüllungsplattform WikiLeaks, will angeblich ein millionenschweres Buchprojekt kippen. Dem britischen ” Guardian” zufolge soll das Vorhaben, eine Autobiografie des umstrittenen Aktivisten zu veröffentlichen, gescheitert sein. Quellen aus dem Verlagsumfeld haben der Zeitung demnach erklärt, Assange habe erklärt, das Buch nicht mehr schreiben zu wollen, zumindest nicht in der ursprünglich vereinbarten Form.

Assange hatte Ende 2010 Verträge mit zwei Verlagshäusern unterzeichnet, dem amerikanischen Alfred A. Knopf-Verlag und dem britischen Verleger Canongate. Assange selbst hatte damals angegeben, ihm seien dafür Honorare in Höhe von 1,1 Millionen Pfund(umgerechnet etwa 1,2 Millionen Euro) zugesagt worden. Nach dem Vertragsschluss waren die Buchrechte an Verlage in 35 weiteren Staaten verkauft worden.

Als Motivation für den Deal hatte Assange angegeben, er brauche, das Geld, um sich gegen die Vorwürfe von Vergewaltigung und sexueller Belästigung in Schweden zu verteidigen. “Ich will dieses Buch nicht schreiben, aber ich muss”, sagte der 39-jährige Australier der “Sunday Times”. Er habe bereits 200.000 Pfund für Anwalts- und Gerichtskosten ausgegeben. Er müsse sich verteidigen, um WikiLeaks über Wasser zu halten.

Jetzt aber scheint der Aktivist es sich anders überlegt zu haben. Gegenüber Verlagsmitarbeitern soll er die Befürchtung geäußert haben, das Buch, das von dem britischen Autor Andrew O’Hagan als Ghostwriter geschrieben werden soll, könnte US-Ermittlungsbehörden Informationen liefern. Informationen, die den US-Ermittlern helfen könnten, die Auslieferung Assanges an die USA aufgrund der von WikiLeaks veröffentlichten Geheiminformationen voranzutreiben.

Hausarrest und Fußfesseln

WikiLeaks hatte 2010 geheime Dokumente zu US-Militäreinsätzen in Afghanistan und im Irak sowie Depeschen aus US-Botschaften in aller Welt öffentlich gemacht. Kreditkartenfirmen und der Internetbezahldienst PayPal hatten Auszahlungen an die Enthüllungswebsite zeitweise eingestellt. Assange vermutet, die Unternehmen hätten auf Druck der US-Regierung gehandelt. WikiLeaks kündigte vor wenigen Tagen an, deshalb die Kreditkartenunternehmen MasterCard und Visa verklagen zu wollen .

In Großbritannien sitzt Assange bereits seit einem halben Jahr wegen der Vergewaltigungsvorwürfe aus Schweden fest. Er kam gegen Zahlung einer Kaution frei und wehrt sich gegen seine Auslieferung, steht unter Hausarrest und muss täglich persönlich in einer Polizeiwache erscheinen. Außerdem muss Assange eine elektronische Fußfessel tragen. Über diese Bedingungen hatte er sich vor einigen Wochen per YouTube-Video beklagt .

Menschenrechtler statt Medienexperte

Während sich Assange bisher nicht öffentlich zu dem Thema geäußert hat, erklärte eine Sprecherin seines Verlags Canongate, der Vertrag mit dem Australier sei “immer noch sehr lebendig” und es seien immer noch alle beteiligten Verlagshäuser begierig, das Werk zu veröffentlichen. Zu dem Buch wollte sie sich nicht äußern. Schon gar nicht vor einem für kommende Woche angesetzten Gerichtstermin, bei dem über Schwedens Auslieferungsgesuch gegen Assange verhandelt werden soll.

Der “Guardian” allerdings spekuliert, Assanges Biografie könnte auch ohne seine weitere Mithilfe vollendet werden. Falls es den Verlagen nicht gelänge, ihn von einer Weiterarbeit an dem Projekt zu überzeugen, könnte möglicherweise das im Rahmen der Recherchen zusammengetragene Material ausreichen, um das Buch zu vervollständigen. Unklar ist dabei allerdings, ob die Verträge zwischen Assange und den Verlagen ein solches Vorgehen erlauben.

Unklar ist, ob und wie viel von den Vorauszahlungen die Verlage in einem solchen Fall zurückfordern würden. Ebenso unklar ist, welche Auswirkungen solche Rückforderungen für Assange hätten, der ja noch vor einigen Monaten erklärt hatte, er brauche das Geld für seine Verteidigung. Darüber, ob der Online-Aktivist über finanzielle Reserven verfügt, wollte dessen bisheriger Anwalt keine Auskunft geben.

Assange hatte seinen Rechtsbeistand erst vor wenigen Wochen ausgetauscht. Anstelle seines bisherigen Verteidigers, dem Medienanwalt Mark Stevens, vertritt ihn nun Gareth Peirce, ein Menschenrechtsexperte.

mak

Quelle:
http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,772932,00.html

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